Auf der ganzen Welt werden Kinder schon als Neugeborene auf dem Rücken getragen.

In Deutschland ist dieser Anblick aber nach wie vor ungewohnt, dementsprechend fühlen sich gerade Eltern, die ihr erstes Kind bekommen haben, aber auch Erwachsene, die wenig oder keine eigene Erfahrung damit haben, bei diesem Thema oft unsicher. Dabei bietet das Tragen auf dem Rücken viele Vorteile - sowohl für den Tragling als auch für die Tragenden. Grund genug für uns, einen genaueren Blick darauf zu werfen.


Warum überhaupt auf dem Rücken tragen?

Wir Menschen sind dafür gemacht, Lasten auf dem Rücken zu tragen. Das Tragen auf dem Rücken sorgt für eine ergonomische Gewichtsverteilung, eine aufrechte Körperhaltung und eine geringere Belastung der Körpermitte und des Beckenbodens als das Tragen vor dem Bauch.
Tragen wir ein Baby oder Kleinkind gut gesichert und körpernah auf dem Rücken, haben wir die Hände frei und ausreichend Platz, um unseren Tätigkeiten nachzugehen. Ob Hausarbeiten wie Kochen, Putzen und Aufräumen, das Versorgen von Geschwisterkindern, Arbeiten, Einkaufen, mit dem Hund Gassigehen – das alles fällt leichter, wenn der „Arbeitsbereich“ vor dem Bauch und Gesicht frei ist.


Welche Vorteile haben die Tragenden allgemein beim Tragen auf dem Rücken?

  • Das Tragen auf dem Rücken ist die schonendste Art, Lasten zu tragen
  • Geringere Belastung der Körpermitte als beim Tragen vor dem Bauch oder auf der Seite
  • Mehr Mobilität durch freie Sicht und Bewegungsfreiheit
  • Mehr Aktivität durch angenehme Gewichtsverteilung und freie Hände


Welche Vorteile hat speziell die Mutter beim Tragen auf dem Rücken?

Nach einer Geburt ist die Körpermitte der Frau – vor allem Beckenboden-, Bauch- und Rückenmuskeln – stark beeinträchtigt. Um ein Neugeborenes tragen zu können, braucht jede Mutter eine stabile, kraftvolle Körpermitte. Voraussetzungen: Erholung, körpermittefreundliches Alltagsverhalten und Training (Regenerations- und Rückbildungsgymnastik).
Im (Früh-)Wochenbett sollte die Mutter so viel wie möglich kuscheln und so wenig wie möglich tragen. Andere Bezugspersonen können die Mutter entlasten und das Neugeborene tragen. Eine Trageweise mit Tuch oder Trage ist weniger belastend als das Tragen auf dem Arm. Eine Trageweise auf dem Rücken ist weniger belastend als das Tragen vor dem Bauch.

Es gibt einige Situationen, in denen das Rückentragen eine Option sein kann, damit die Mutter trotz Beschwerden tragen kann:

  • Milchstau – drückende Gurte und enges Einbinden der Brust vermeiden
  • Zuviel Milch? Weniger Milchbildung durch das Tragen auf dem Rücken
  • Probleme mit dem Beckenboden – weniger Belastung durch das Tragen auf dem Rücken
  • Rektusdiastase – Bauchraumdruck durch enge Kleidung, Bauchgurte und Tuchbahnen vermeiden, geeignete Trageweise wählen (besonders geeignet ist Rückentragen), angepasstes Alltagsverhalten (insbesondere beim Aufnehmen, Tragen und Ablegen des Kindes)
  • Kaiserschnittnarbe - drückende Gurte/Tuchbahnen vermeiden

Auch für Zwillingseltern kann das frühe Tragen auf dem Rücken eine Entlastung bei der Versorgung der Babys und im Familienalltag allgemein sein.


Welche Vorteile hat das Tragen auf dem Rücken für das Kind?

Wenn das Baby etwa ab dem 4. Monat mehr und weiter sehen kann, neugieriger und aufmerksamer geworden ist, stellen viele Eltern fest, dass es sich beim Tragen vor dem Bauch manchmal nicht einbinden lassen will, unruhiger ist und scheinbar nicht mehr so oft getragen werden möchte.
Wichtig für die Entwicklung des Kindes ist nun:

  • Wahrnehmung von Bewegungen in die richtige Richtung
  • Akkomodation der Augen (Wechsel zwischen der Fokussierung auf nah und fern)
  • Miterleben des Alltags ohne dauerhaft im Mittelpunkt zu stehen

Beim zugewandten Tragen hat das Baby vor dem Bauch, auf der Seite und auf dem Rücken jederzeit die Möglichkeit, sich anzukuscheln und zurückzuziehen. Beim Tragen auf der Seite und auf dem Rücken hat es jedoch mehr Ausblick als beim Tragen vor dem Bauch. Es kann in die gleiche Richtung blicken wie die tragende Person und erlebt Alltagstätigkeiten und Geschehnisse in richtiger Richtung.
Dabei ist die Interaktion mit seiner Bezugsperson enorm wichtig: Das Kind lernt anhand der Reaktion seiner Bezugsperson, wie eine Situation einzuordnen ist und die Erwachsenen üben sich in Feinfühligkeit, weil sie Mimik, Gestik, Laute und Bewegung des Kindes hautnah miterleben. Die Bezugspersonen lernen, angemessen und prompt auf die Bedürfnisse des Kindes reagieren zu können. Auch beim Tragen auf dem Rücken ist dies möglich.
Auf dem Rücken steht das Kind jedoch weniger im Zentrum der Aufmerksamkeit der Tragenden, es hat hier die Rolle des getragenen Beobachters inne. Je älter das Baby, desto wichtiger ist es für seine Entwicklung, dass es auch diese Perspektive erlebt.

 


Auf dem Rücken ist die Höhe des Kindes variabel und hängt von der Bequemlichkeit für die Tragenden, von den Bedürfnissen des Kindes und von der jeweiligen Situation ab. Je nach Trageweise und Position hat das Kind mehr oder weniger Ausblick. Beim hohen Tragen auf dem Rücken hat es fast einen Rundumblick und kann z. B. beim Kochen an einem sicheren Platz, geschützt vor heißem Dampf oder Spritzern, jeden Handgriff gut beobachten. Vielen Eltern ist das tiefe Tragen auf dem Rücken besonders angenehm, wenn das Kind über längere Zeit getragen wird, z. B. beim Wandern oder wenn es ein Schläfchen macht.


Ab wann können Babys auf dem Rücken getragen werden?

Grundsätzlich gilt: So früh wie möglich! Auch Neugeborene können, die richtige Technik vorausgesetzt, schon im Tragetuch auf dem Rücken getragen werden. Der richtige Zeitpunkt, das Tragen auf dem Rücken zu beginnen, ist, wenn sich die Eltern dazu bereit fühlen.

Für die Haltung des Babys ist es ausschlaggebend, ob die gewählte Bindeweise mit dem Tragetuch oder die Tragehilfe zur Größe, zu den Bedürfnissen und zur Situation passt – unabhängig davon, ob vor dem Bauch oder auf dem Rücken getragen wird. Dabei muss das Baby rundum sicher gestützt werden.
Ganz wichtig: Der Weg auf den Rücken muss altersentsprechend erfolgen. Kann ein Baby seinen Kopf noch nicht selbst halten, muss dieser natürlich auch beim Binden des Tragetuchs oder Anlegen der Tragehilfe gut gestützt sein. Bei Babys mit Rumpfkontrolle kann der Nacken bereits frei sein, hier sollte die Stützung bis zum oberen Rücken reichen. Das Baby wird im geschlossenen Beutel von vorne nach hinten geschoben und ist somit die ganze Zeit gut gestützt. Dies erfordert Achtsamkeit und Übung - die entsprechende Technik dazu kann man bei Bedarf im Rahmen einer Trageberatung erlernen.


Auf was muss ich achten, wenn ich mein Baby auf dem Rücken trage?

Wie bei jeder Trageweise gilt das Trage-Einmaleins.
Auch beim Rückentragen ist es wichtig, auf eine sichere Position, eine gute Stützung und eine freie Nase des Kindes zu achten.
Du siehst nur einen Teil des Gesichts deines Kindes? Spiegel, auch kleine Taschenspiegel, Autoscheiben oder Schaufenster können für einen kurzen Blick nach hinten gute Dienste leisten, falls du dir unsicher bist, ob Nase und Mund frei sind. Mit etwas Erfahrung kann man aber auch den Atem im Nacken und die Bewegung des Brustkorbs auf dem eigenen Rücken gut spüren.




Hat das Kind sicheren Halt? Wichtig ist, dass alle Tuchstränge bzw. Träger gut positioniert und festgezogen sind.
Bei Tragehilfen mit Schultergurten zum Schnallen sichert ein Brustgurt zusätzlich vor einem Rutschen der Träger und verteilt das Gewicht angenehmer. Viele kennen diesen Effekt von Wanderrucksäcken. Bei Tragehilfen mit Schultergurten zum Binden kann diese Quersicherung nicht nur über einen separaten Brustgurt oder ein eingebundenes kleines Tuch, sondern auch mit dem Überkreuzen der Träger vor der Brust erreicht werden (quasi spiegelbildlich zum Tragen vor dem Bauch). Bei Tragehilfen mit langen Schulterträgern können diese nach dem Anlegen wie bei einem Rucksack am Schluss dazu genutzt werden, ein „Finish“ - also einen Abschluss zu binden, der die Träger über der Brust sichert. Hier gibt es zahlreiche Varianten, wie gebunden werden kann.

Beim Tragetuch ist neben der Auswahl der passenden Bindeweise auch das sorgsame Straffen des Tuchs wichtig für die Stützung des Kindes und eine gute Gewichtsverteilung und somit möglichst wenig Belastung für die Tragenden. Auch hier gibt es die Möglichkeit, falls das Tuch nicht ohnehin dank der nach vorne gewölbten Schulterform an Ort und Stelle bleibt, mit entsprechenden Tuchabschlüssen oder zusätzlichem Quergurt ein Rutschen der Träger zu vermeiden.


Tipp:
Bastle dir selbst einen Brustgurt für deine Tragehilfe oder dein Tragetuch - mit einem Spucktuch (Mullwindel), einem dünnen Schal, einem breiten Schnürsenkel oder dem Brustgurt einer (anderen) Halfbuckle-Tragehilfe.


Soll ich jetzt nur noch auf dem Rücken tragen?

Nein, denn Abwechslung tut gut und je nach Situation können verschiedene Trageweisen am besten passen – ganz individuell. Aber wenn du das Rückentragen sicher beherrschst, bist du für den Alltag mit Kind(ern) bestens gewappnet. Beim Sport mit Kind, z. B. Wandern, Nordic Walking, Low Impact Aerobic, Gymnastik, Tanz und anderen Sportarten ohne Sturzgefahr oder Erschütterungen des Kindes, sowie bei Aktivitäten, wo dein Kind vor dem Bauch in Gefahr wäre, wie z. B. Kochen oder Bügeln, ist das Tragen auf dem Rücken auf jeden Fall die beste Wahl.

Klappt das Tragen auf dem Rücken auch alleine?

Ja, mit einer guten Anleitung und etwas Übung geht das wirklich.
Alle Interessierten, die das Tragen auf dem Rücken lernen wollen, finden individuelle Beratung und Workshops zum Rückentragen bei unseren Mitgliedern, die die Dienstleistung Trageberatung anbieten.
Und natürlich unterstützen wir vom Tragenetzwerk e. V. mit Tipps und Tricks online oder bei unseren ehrenamtlichen Einsätzen auf Babymessen und Fachkongressen.

Die nächste Trageberatung in deiner Nähe findest du übrigens hier: https://tragenetzwerk.de/index.php/beraterinnenliste

Viel Freude beim Tragen auf dem Rücken!


Text: Laura Dingel und Martina Möhrle

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